Der Konflikt

Die Situation der Shan in Burma und in Thailand

Burma ist seit 1962 eine Militärdiktatur und weitgehend von der Außenwelt abgeschlossen. Das einst in jeder Hinsicht reichste Land Südostasiens ist heute eines der ärmsten dieser Welt. Mehr als 48 Millionen Menschen werden seit 40 Jahren als Geiseln im eigenen Land gehalten. Sie werden gedemütigt, ihrer Freiheit und sämtlicher Menschenrechte beraubt und um den Lohn ihrer harten Arbeit gebracht. Das Bildungsniveau ist am Nullpunkt angelangt. Weite Teile der Bevölkerung leiden sichtbar an Mangelernährung und die Rate der HIV-Infizierten ist die höchste in Südostasien.

Die Militärregierung ist seit langem bankrott. Doch der Ausverkauf der reichhaltigen Bodenschätze sowie ihre Beteiligung am Drogenhandel sichern ihr Überleben. Was die Regierung einnimmt, gibt sie für das Militär aus (40% des jährlichen Bruttosozialprodukts; nur ganze 4% werden in Bildung und Gesundheitsfürsorge investiert). Mit über 350.000 Soldaten verfügt die burmesische Junta über eine der größten stehenden Armeen der Welt. Diese Armee hat keine äusseren Feinde, denen sie sich entgegenstellten müsste. Ihre Feinde sind das eigene Volk und die nicht-burmesischen Völker innerhalb der burmesischen Staatsgrenzen.

Einen regelrechten Genozid begeht die Militärjunta an den vielen ethnischen Gruppen in Burma, die 40% der Gesamtbevölkerung ausmachen. Seit Jahrzehnten werden diese Menschen zwangsenteignet, willkürlich getötet, zur unbezahlten Arbeit missbraucht, wird ihnen das Recht auf eine eigene Kultur und Geschichte verweigert, werden sie “burmanisiert”.

Die größten dieser über 135 ethnischen Gruppen kämpfen seit Jahrzehnten um das Recht auf ihre eigene Kultur und Selbstverwaltung. Mit fast allen ihrer bewaffneten Rebellenarmeen hat das Regime inzwischen Waffenstillstandsabkommen geschlossen, die diesen wirtschaftliche Privilegien verschaffen, insbesondere im Bereich des Drogenhandels, von dem wiederum die Regierung profitiert.

Eine der beiden Gruppen, die sich einer solchen Regelung widersetzen, weil sie sich dem Kampf gegen Drogen verschrieben haben, ist die Shan State Army (SSA-S). Mit ihr liefert sich die burmesische Armee alljährlich heftige Gefechte während der Trockenzeit, bei denen sich die kleine SSA bisher regelmäßig als unbezwingbar erwiesen hat. Die Shan State Army ist seit über 40 Jahren einziger Rückhalt der Bevölkerung in Shan Staat im Osten Burmas. Sie finanziert sich durch Warenzölle und den Handel mit Edelhölzern. Von ihren Einnahmen richtet sie außerdem Schulen in entlegenen Gebieten ein und stellt dort eine medizinische Grundversorgung sicher.

Die ursprünglich aus Südchina stammenden Shan sind seit jeher bekannt für ihre Eigenständigkeit und ihre Unabhängigkeit. Im 12. Jahrhundert begannen sie, die bergreiche Region im Osten Burmas zu besiedeln. Von geschätzten 8 Millionen Menschen, die heute in Shan Staat leben, sind bzw. waren ungefähr 4 Millionen Shan.

Ihr Land war in viele kleine und große Fürstentümer aufgeteilt und wurde von Prinzen regiert. Die Shan sind Buddhisten wie die Burmesen, haben aber ihre eigene Kultur, Geschichte und Sprache, die dem Thailändischen ähnlicher ist als dem Burmesischen. Die wenigen Ausländer, die während der letzten 100 Jahre durch Shan Staat reisten, rühmen die Gastfreundlichkeit, Liebenswürdigkeit und Aufrichtigkeit sowie die tiefe Gläubigkeit der Shan.

Seit Jahrzehnten werden Dorfbewohner in ganz Shan Staat, gleich welchen Alters, zu Zwangsarbeiten an Straßen und Bewässerungskanälen herangezogen. Ihre Felder liegen dann oft jahrelang brach, das Vieh kann nicht versorgt werden. Aber sie müssen dennoch selbst für ihre Verpflegung sorgen und ihre wenige Nahrung auch noch mit den brutalen Aufsehern teilen. Sie müssen Lasten für burmesische Soldaten tragen, wenn diese in den Kampf ziehen, sie müssen den Truppen voran marschieren, um Landminen unter Einsatz ihres Körpers zu “entschärfen”. Ihr Vieh wird beschlagnahmt und den größten Teil ihrer Ernten müssen sie den Soldaten überlassen, die wegen des Staatsbankrotts keinen Sold mehr erhalten.

1996 begann die burmesische Armee in einer Großoffensive über 300.000 Shan zu enteignen und zwangsumzusiedeln. Im Süden von Shan Staat, an der Grenze zu Thailand, wurden 1999 weitere 48.000 Shan heimatlos, weil ihr fruchtbares Farmland regimetreuen Gruppen (den “Wa”) übergeben wurde. Diese pflanzen Opium an und haben Fabriken zur Gewinnung von Heroin und Amphetaminen errichtet, um die Drogenproduktion noch zu steigern.

Bei diesen Zwangsumsiedlungen werden viele Shan willkürlich zu Tode gefoltert, um Exempel zu statuieren. Mönche werden aus Klöstern verjagt oder öffentlich exekutiert. Shan-Tempel und Buddhastatuen, Mittelpunkt und Sinnbild des Wohlergehens eines jeden Dorfes, werden geschändet.

Frauen und junge Mädchen werden vergewaltigt, von ganzen Gruppen burmesischer Soldaten zumeist und oft über längere Zeiträume. Viele werden dabei zu Tode gefoltert. Berichten der Shan Human Rights Foundation zufolge wurden allein zwischen 1996 und 2001 675 Fälle von Vergewaltigungen gemeldet. Da Vergewaltigung in einer eher konservativen, ja prüden Gesellschaft ein lebenslanges Stigma ist, verschweigen viele Frauen, was ihnen zugestoßen ist. Andere verlassen ihre Heimat und arbeiten als Prostituierte, denn weiter, so sagen sie, können sie sowieso nicht sinken. Als Prostituierte können sie wenigstens Geld verdienen und ihre Familien unterstützen.

Wer die Möglichkeit hat den Umsiedlungslagern, die Konzentrationslagern gleichen, zu entkommen, flüchtet in die Städte oder nach Thailand. Ganze Familien halten sich oft monatelang im Dschungel versteckt, bis sie eine Chance haben, die grüne Grenze nach Thailand zu überqueren.

Diejenigen, die bleiben müssen, werden mannigfaltigen Gehirnwäschen unterzogen, abgestumpft und geistig apathisch gemacht. Junge Menschen werden gezielt mit billigem Heroin versorgt, damit jeder Wunsch nach Aufbegehren im Keim erstickt wird. Mit dem Heroin kommt das HIV-Virus. Es gibt Dörfer in Shan Staat, in denen 95% der Jugendlichen heroinabhängig und HIV-positiv sind. Immer mehr Eltern sehen keinen anderen Ausweg, als wenigstens eines ihrer Kinder nach Thailand in die scheinbare Sicherheit zu schicken.

Geschätzte über 150.000 Shan sind während der vergangenen 6 Jahre nach Thailand geflohen, die meisten Jugendlichen unter ihnen allein und auf sich gestellt. Sie gehen nach Thailand in der Hoffnung, etwas lernen und Geld verdienen zu können, um ihre Familien in Shan Staat zu unterstützen und eine lebenswerte Zukunft zu finden, bis sich die Situation in Shan Staat geändert hat.

Die Shan werden in Thailand jedoch nicht als Flüchtlinge anerkannt. Als solche anerkannt zu sein bedeutet, von internationalen nichtstaatlichen Organisationen (INGOs) unterstützt zu werden: mit Nahrung, medizinischer Versorgung, Bildung, ausländischen Fachkräften und bestenfalls sogar Ausweispapieren.

Die Shan erhalten nichts dergleichen und können auf absehbare Zeit auch nicht darauf hoffen. Shan-Exilanten, die schon seit Jahrzehnten in Thailand leben, ist es immerhin gelungen, kleine Organisationen zu gründen, die sich ehrenamtlich darum kümmern, dass die Menschenrechtsverletzungen in Shan Staat zumindest dokumentiert werden und dass die Flüchtlinge das Allernotwendigste bekommen. Einige der jungen Shan können seit einem Jahr sogar eine kleine Schule (SSSNY) besuchen und einige wenige zumindest Praktika-Plätze oder Kurzausbildungen, z. B. zum Thema Umweltschutz, erhalten.

Als illegale Migranten leben die Shan in ständiger Angst entdeckt, eingesperrt und nach Burma zurückgeschickt zu werden. Dort erwartet sie ebenfalls Gefängnis oder sogenannte Besserungslager, Zwangsarbeit und Zwangsrekrutierung. Die Flüchtlinge fristen ein mehr als kümmerliches Dasein entlang der Grenze zu Burma oder verstecken sich in den Großstädten. Ihnen wird - im Gegensatz zu anerkannten Flüchtlingen aus Burma wie den Karen und Mon - keinerlei humanitäre Hilfe zuteil. Es gibt keine medizinische Versorgung, ihre Kinder können nicht zur Schule gehen.

Mit etwas Glück finden sie Arbeit auf Plantagen, Baustellen und in Fabriken. Es handelt sich immer um Arbeit, die kein Thai mehr bereit ist zu tun, Arbeit die extrem schlecht bezahlt ist (1,5 - 3 Euro am Tag) und oft mit höchsten Risiken für ihre Sicherheit und Gesundheit verbunden ist.

Junge Mädchen und Frauen sind besonders schutzlos, da ihnen Vergewaltigung droht - durch burmesische, aber manchmal auch durch thailändische Soldaten und Polizisten. Mafia ähnliche Gruppen haben sich darauf spezialisiert, sie mit seriös klingenden Versprechungen ins Landesinnere oder in die Großstädte zu locken, um sie dann regelrecht in die Prostitution zu verkaufen.

Viele der jungen Menschen halten dem Druck nicht stand, beginnen zu trinken, billige Amphetamine zu nehmen und in die Kriminalität abzurutschen.

IDPs: Refugees in Shan State, Burma

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