Kultur
Man vermutet, dass die “Tai” oder Shan (in Burma) ursprünglich aus dem Süden Chinas kommen.
Einer Legende nach stammen sie von den Brüdern Khun Ku und Khun Lai ab, die einst über eine goldene Leiter vom Himmel herabstiegen.
Auf dem Gebiet der heutigen chineschen Provinz Yunnan gründeten sie 629 n. Chr. ihr erstes Königreich, “Nan Chao” (”Südliche Herren”) genannt. Ihre Hauptstadt Talifu (das heutige Kunming) umgaben sie mit einer wehrhaften Mauer.
Des Königs ganzer Stolz aber war ein fruchtbares weites Tal voller Reisfelder, umschlossen von subtropischen Bergen: Sip Song Panna (12 Bezirke). Auf diesen fruchtbaren Bergplateaus südwestlich von Sip Song Panna gründeten einige Tai Prinzen ein zweites Tai Königreich.
Nach der Eroberung Talifus durch Kublai Khan im Jahr 1253 flüchteten viele Tai nach Süden und siedelten sich an in Sizuchuan und Hainan (China), im Osten und Norden des heutigen Burma, im Norden Vietnams und Thailands, in Kambodscha und in Laos sowie in Assam/Indien, wo 600 Jahre lang ein weiteres Tai Königreich bestand.
Im Laufe der Jahrhunderte passten sie sich ihren neuen Siedlungsgebieten an, doch allen gemeinsam sind bis heute ihr Name „Tai“ oder „Dai“ sowie ihre kulturellen und sprachlichen Wurzeln.
Am stärksten haben die Shan in Burma ihre Traditionen bewahrt. Jahrhunderte lang war ihr Gebiet in kleine und große Fürstentümer aufgeteilt, die von Saophas (Prinzen) regiert wurden. Die mächtigeren Saophas wurden von einem Ministerrat unterstützt. Auf Stadtverwaltungsebene wurde jeweils ein Myosa (Esser der Stadt) ernannt, der sich um die örtlichen Angelegenheiten kümmerte und Steuern einsammelte.
Der Tradition nach hat jeder Shan seit jeher vier edle Prinzipien zu beachten:
- Das Wohlergehen der Nation
- Das Wohlergehen des Staates
- Die Bewahrung der Kultur
- Die Bewahrung der Religion.
Die Nation umfasst alle Menschen, die seit langer Zeit in einem Gebiet zusammenleben, ungeachtet ihrer Rasse oder Kultur. Sie sind aufgefordert, einander zu helfen und sich zu einem Ganzen, der Nation, zu vereinen. Allein in Shan Staat leben 35 verschiedene Volksgruppen friedlich miteinander. (siehe Abschnitt “Geschichte” dieser Website). Der Staat ist das politische Gebilde und sein Funktionieren ist verantwortlich für das Wohlergehen der Nation.
Die Kultur umfasst die Sprache der Volksgruppen, ihre Literatur und ihre Traditionen. Jede Volksgruppe hat natürlich auch ihre eigenen Trachten und ihre eigenen Lebensweisen, die respektiert werden sollten.
Die Shan in Burma haben wenig gemeinsam mit den Burmesen, deren Ursprung vermutlich in Tibet liegt.Sie sind zwar auch Theravada Buddhisten, doch haben die Shan ihre eigenen Aufzeichnungen der Lehre Buddhas und sie sind strenggläubiger als die Burmesen.
Alle bekennenden Buddhisten sollten täglich diese fünf moralischen Grundsätze beachten:
- kein lebendes Wesen töten
- nichts stehlen oder nehmen, was nicht gegeben wird
- keinen sexuellen Missbrauch/Ehebruch begehen (oder Leidenschaft und Begeisterung nicht in unangebrachter Weise nachgeben)
- nicht die Unwahrheit sagen
- keine Drogen zu sich nehmen.
Ein Buddhist hält die fünf moralischen Grundsätze ein, weil er ein Mittel darin sieht, auf dem Weg der Erlösung voran zu schreiten, wobei er jedoch nicht nur sein eigenes Wohl, sondern das aller Lebewesen im Auge behalten muss.
In den Dörfern der Shan Dorf findet sich stest mindestens ein Tempel. Er ist Symbol für das Wohlergehen und den Wohlstand eines Dorfes. Spätestens im Alter von 9 Jahren werden die Jungen im Rahmen einer festlichen Zeremonie zu Novizen geweiht. Ihre Schädel werden kahl rasiert, sie erhalten Mönchsgewänder und gehen für mehrere Wochen ins Kloster. Dort werden sie von den Mönchen in der traditionellen buddhistischen Sprache der Tai, Buddhas Lehren, aber auch im modernen Tai bzw. Shan unterrichtet. Söhne sehr armer Eltern, die das Schulgeld nicht aufbringen können, werden ausschließlich im Kloster erzogen. (Siehe auch “Mein Leben als Novize” in Berichte und Artikel). Mädchen haben diese Möglichkeit nicht.
Jeder Mann sollte mindestens dreimal in seinem Leben für 3 bis 12 Wochen ins Kloster gehen, um zu meditieren und die Lehren Buddhas zu studieren. Die Tempelanlagen und Klöster finanzieren sich ausschließlich durch Spenden. Durch jede Spende - die tägliche Mahlzeit für die Mönche, ihre Gewänder und bescheidenen Besitztümer sowie Bücher, aber auch Buddhastatuen, oder gar neue Tempelbauten erwirbt sich ein Buddhist Verdienste, die ihm zu einer besseren Wiedergeburt verhelfen.
Die Tai oder Shan Gesellschaft wird bis heute von Männern dominiert. Von Frauen wird erwartet, dass sie zurückhaltend und bescheiden in der Öffentlichkeit auftreten, stets eine Hand über ihren Mund legen, wenn sie lachen und natürlich, dass sie unschuldig in die Ehe gehen. An abendlichen Vergnügungen wie Kartenspiel, Musizieren, Unterhaltungen nehmen sie in der Regel nicht teil. Sie haben sich um den Haushalt und die Kindererziehung zu kümmern, vor dem Mann aufzustehen und nach ihm ins Bett zu gehen, wenn sie Haus und Hof für die Nacht vorbereitet haben.
Viele Shan Frauen arbeiten außerdem natürlich mit auf den Feldern und verkaufen ihre Waren auf den Märkten, die sie oft nur nach langen Fußmärschen erreichen. Ihr Leben ist hart, viele verfügen über keinerlei schulische Ausbildung. Aber sie werden von ihren Kindern und Männern in der Regel hoch geachtet.
Die Shan sind berühmt für ihre wunderschönen Holzhäuschen – so sie sich diese Häuser leisten können – und ihre üppigen Blumengärten. Aber auch für ihre Gastfreundschaft und Liebenswürdigkeit. In den meisten Dörfern gilt noch immer die Regel, dass ein Gast nicht eher gehen darf, als bis er sich satt gegessen hat. Die Shan sind außerordentlich mitfühlend und gütig, doch gilt es als schlechtes Benehmen, Gefühle in der Öffentlichkeit zu zeigen oder gar darüber zu sprechen. Oft lächelt ein Shan, auch wenn ihm oder ihr noch so sehr nach Weinen zumute ist.
Die Shan lebten lange Zeit sehr abgeschieden von der Welt. Sie sind seit Generationen Bauern und Händler, doch führten sie ihre Wege eher nach China als nach Burma. Die Wege nach Burma waren überaus beschwerlich und außerdem zog sie auch wenig in dieses fremde Land, dessen Sprache sie nicht verstehen, dessen Menschen ihnen zutiefst suspekt sind, dessen Essen sie nicht sonderlich mögen und dass vielen von ihnen ganz einfach zu flach und zu heiß ist.
Erst mit den britischen Besatzern kamen Ausländer nach Shan Staat, mit ihnen übrigens auch europäische Blumen und Gemüsesorten. In dieser Zeit begannen auch die Söhne der Saophas nach Großbritannien und in die USA zu reisen, um dort zu studieren. Sie brachten neue westliche Ideen mit nach Shan Staat, aber auch westliche Kleidung, Autos und in zwei Fällen sogar eine westliche Ehefrau (vgl. die Autobiographie „Mein Leben als Shan Prinzessin“ von Inge Sargent). Sie probierten sich in neuen Anbaumethoden, reformierten ihre Verwaltungen, begannen die Ausbildung ihrer Untertanen zu verbessern, kümmerten sich um eine bessere Gesundheitsfürsorge und begannen eine immer wichtigere Rolle zu spielen bei den Verhandlungen um die Unabhängigkeit und den Aufbau der föderierten Union Burma (siehe Abschnitt “Geschichte”).
Die Shan sind stolz darauf, dass sie ihre uralten Traditionen bewahrt haben und sie setzen sich leidenschaftlich dafür ein, dass dies auch so bleibt. Die jungen Shan tragen ihre alten Trachten mit großer Würde und Freude, sie alle kennen und singen die alten Lieder, erzählen die alten Legenden und sind stolz darauf, Shan zu sein.